Kindheitstrauma neue Esskultur

Herminas 5. Geburtstag in Zagreb

Herminas 5. Geburtstag in Zagreb

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als ich fünfeinhalb Jahre alt war haben wir meine Heimatstadt Zagreb verlassen und sind nach Deutschland ausgewandert. Ich sage euch eins, das größte Hindernis, wenn ihr in ein neues Land reist, ist nicht nur die Sprache, nein, es ist auch das Essen. Ich werde nie meinen ersten Kindergartentag vergessen. Soweit ich mich erinnere, war ich das erste Migrantenkind des Kindergartens, denn die meisten Gastarbeiter hatten ihre Kinder in der Heimat bei den Müttern oder bei den Großeltern gelassen. Mein großes Glück war, eine wundervolle Kindergärtnerin zu haben. Sie kümmerte sich sehr engagiert um mich und begann schon am ersten Tag, mir anhand von Bildern auf Holzklötzchen die deutsche Sprache beizubringen.

Nichtsdestotrotz landete der kulturelle Unterschied

schon beim ersten Frühstück gnadenlos auf dem Tisch.

Nachdem wir unser von zu Hause mitgebrachtes Frühstück aus den Kindergartentaschen geholt hatten, setzten wir uns an die Tische. An jedem Tisch saßen acht Kinder. An meinem waren wir acht Mädchen. Die sieben Mädchen starrten mich, die Neue aus einem anderen Land, an und kicherten. Sie packten dunkle, ganz dünne Brote aus. Zuerst dachte ich, es seien Kuchen oder Kekse, denn dunkles Brot kannte ich bis dato nicht. Dann meinte ich jedoch Wurst oder Käse dazwischen zu erkennen. Jetzt starrte ich sie an. Ich hatte noch nie solche Brote gesehen.

Das Frühstück, das meine Mutter mir eingepackt hatte, bestand aus zwei dicken Scheiben Weißbrot und zwei Bockwürstchen. Ich hatte sehr früh gelernt, dass man von einer Brotscheibe nicht abbeißen durfte, sondern das Brot mit den Händen in mundgerechte Stücke brechen musste, bevor man es zum Mund führte. Die Würstchen teilte ich in Hälften und biss kleine Stücke ab. So aß ich dann langsam mein Frühstück und die sieben Mädchen lachten mich aus. Lachen, vor allem Auslachen, versteht man in jeder Sprache und in jedem Alter. Ich war wütend auf die Mädchen und auf meine Mutter war ich auch sauer. Am Abend versuchte ich meiner Mutter aufgebracht zu erklären, dass sie mir das falsche Frühstück gegeben hatte, und dass die deutschen Kinder ganz dünne, schwarze Brote hatten. Meine Mutter versprach mir ganz fest, nach diesem schwarzen Brot zu suchen. Tatsächlich kaufte sie am nächsten Tag ein anderes Brot, aber es war immer noch nicht das Gleiche, das die Mädchen im Kindergarten hatten.

Dünne, belegte Brote kannten wir in Jugoslawien nicht.

Es vergingen Monate, bis sie verstanden hatte, was ich meinte, denn sie hatte die dunklen Vollkornbrotscheiben nicht einmal als Brot identifiziert. Es war aber auch nicht mehr nötig, denn mittlerweile waren die Mädchen, trotz meines für damalige deutsche Verhältnisse, ungewöhnlichen Frühstücks, meine Freundinnen geworden, denn ich hatte sehr schnell Deutsch gelernt und wir spielten im Kindergarten ganz wunderbar miteinander.

Das Mittagessen barg dann gleich die nächste große Herausforderung:

Rahmspinat mit Spiegelei – mir wurde beim bloßen Anblick schon übel. Wenn das Eigelb in den Spinat lief, fand ich es ganz besonders schlimm. Sauerkraut mit Kassler war der Gipfel, schlimmer ging es kaum. Ich weigerte mich zu essen und musste während der gesamten Mittagsruhe, also fast drei Stunden, vor dem Essen sitzen bleiben, was ich beharrlich tat, ohne das Essen anzurühren. Langsam, sehr langsam gewöhnte ich mich an die neuen Gerichte und Aromen, bis ich sie eines Tages sogar mochte und auch heute noch lächeln muss, wenn ich sie irgendwo auf den Tellern sehe – Kindheitserinnerungen aus zwei verschiedenen Esskulturen, das hat nicht jeder.

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