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Kochen für die Liebsten ist die kroatische Art Liebe auszudrücken

Vor wenigen Wochen hat mich die Journalistin Christine Sarac anlässlich eines Interviews über meine Tomatensaucen Salsa Paradiso besucht. In diesem Gespräch erzählte sie mir, dass sie mit einem Kroaten verheiratet ist, was den Startschuss gab, zu einem ausgesprochen amüsanten Austausch, der uns völlig die Zeit vergessen ließ. Für mich, als gebürtige Kroatin, war der Blick auf die kroatische Mentalität, aus der Perspektive einer Deutschen, spannend, unterhaltsam und berührend zugleich.  Ich freue mich sehr, dass Christine sich bereit erklärt hat, ihre Erlebnisse mit uns zu teilen.

Christine, wo hast du deinen kroatischen Ehemann kennengelernt?

Wir haben uns in Deutschland kennengelernt.

Wie waren deine ersten Eindrücke von der kroatischen Lebensart?

Damir hat mich mit dem ersten Besuch bei seinen Eltern überrascht. Wir wollten eine kleine Spritztour machen, als er in ein Wohngebiet fuhr und parkte. Er lachte und sagte, ich solle mitkommen. Ich ahnte, dass wir seine Familie besuchen würden und war ziemlich aufgeregt, weil er diese Entscheidung sehr spontan getroffen hatte. Auch seine Eltern wussten nichts von unserem Besuch. Seine Mutter öffnete die Tür, bekleidet in einer Kittelschürze, weil sie am Kochen war. Als sie sah, dass Damir seine Freundin zum ersten Mal mitgebracht hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und sagte „Jesus Maria, wie sehe ich aus….Damir, warum hast du nichts gesagt?“ Es war ihr im ersten Moment peinlich, dass ich sie bei unserer ersten Begegnung in ihrem Hausfrauen-Look sah. Schnell ist sie in das Wohnzimmer gelaufen und rief ihrem Mann zu „Tomo, steh auf, mach Platz, wir haben Gäste!“ Wenige Minuten später war der Tisch überladen mit Speisen und Getränken und  ich war beeindruckt von der Gastfreundschaft.

Wie hat deine Familie auf Damir reagiert?

Meine Mutter war einerseits skeptisch, andererseits neugierig. Aber ihre Skepsis hielt nur so lange, bis sie Damir kennengelernt hatte. Jetzt wohnen wir sogar zusammen, meine Mutter lebt bei uns, und wir verstehen uns alle sehr gut.

Welche Erfahrungen hast du in Kroatien gesammelt?

Bei meinem ersten Besuch war wirklich alles neu für mich. Damirs Familie ist sehr groß und lebt in einem kroatischen Dorf, in dem sich alle untereinander kennen. Die größte Herausforderung für mich bestand in den täglichen, zahlreichen Familienbesuchen. Da Damir und seine Familie in Deutschland leben, ist die Wiedersehensfreude bei allen sehr groß. Die ersten vier Tage, haben wir jeden Tag drei bis vier Verwandten Besuche abgestattet, wobei bei jedem dieser Besuche ein großer Teil der Familie anwesend war, so dass zwanzig bis dreißig Personen zusammengedrängt im Wohnzimmer saßen und alle redeten laut und durcheinander. Ich versuchte ansatzweise etwas zu verstehen, aber die Sprache ist sehr schwer. Bei jedem Gastgeber wurde unglaublich viel köstliches Essen serviert, selbstgekelterter Kirschwein und natürlich selbstgebrannte Schnäpse in Mengen angeboten. Da es unhöflich ist das Essen abzulehnen, war ich nach vier Tagen rund um die Uhr essen, trinken und feiern, völlig erschöpft und meine Verdauung war es auch.

Wie haben dir die kroatischen Speisen geschmeckt?

Es war alles köstlich. Das Gemüse kam frisch aus dem Garten. Seit ich die sehr aromatischen Bauerngurken in Kroatien gegessen habe, habe ich nie wieder eine Salatgurke in Deutschland gekauft, sondern sofort Gurken in meinem Garten gepflanzt. Der Geschmack der Tomaten und der Spitzpaprika ist einfach fantastisch. Auch den Kupus-Salat, Krautsalat, liebe ich sehr. Der Weißkohl wird mit dem Messer hauchfein geschnitten, dann gesalzen, mit Essig und Öl mariniert und dann mit den Händen, nicht mit dem Salatbesteck, geknetet. Auf meine Frage, warum sie dies mit den Händen tun, bekam ich als Antwort „weil man es so macht.“ Also eigentlich keine Antwort, aber dieser Salat schmeckt so hervorragend, dass auch ich es den Kroaten gleichtue. Es gibt fast zu jeder Mahlzeit Fleisch von bester Qualität, Kroaten sind in meinen Augen wirklich Fleischfresser. Damirs Onkel und Cousin sind Jäger und ein anderer Onkel hält Schweine. In Kroatien habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ein Ferkel morgens geschlachtet wurde, dann stundenlang am Spieß gedreht und gegrillt wurde, bis abends die Familie zum Essen und Feiern zusammenkam. Wiederum ein anderer Onkel, hat sogar ein Bierfass zu einem Kessel umgebaut, in dem er draußen über dem Feuer Gulasch kocht. Ich weiß nicht, wie es in anderen Gegenden Kroatiens ist, aber bei uns im Dorf habe ich kaum einen Tag ohne Fleisch erlebt. Jede Mahlzeit wird jedoch von sehr viel Salat und Gemüse begleitet, Beilagen wir Kartoffeln oder Reis werden in kleinen Mengen gereicht, Kohlenhydrate eher in Form von Weißbrot gegessen. Auch das Frühstück ist sehr üppig, mit Kulen, einer pikanten Salami, Prsut – dem Schinken, Käse, Tomaten, Gurken, Paprika und vielem mehr. In Deutschland esse ich zum Frühstück am liebsten Müsli, aber das bezeichnen die Kroaten, inklusive meinem Mann, als Hühnerfutter. Die Gastfreundschaft und der Familienzusammenhalt faszinieren mich am meisten in Kroatien. Damirs Tante Nada fragte mich eines Tages, welcher mein Lieblingskuchen sei. Ich antwortete, dass ich am liebsten Schwarzwälder Kirschtorte esse. Am nächsten Morgen bekam ich sie zum Frühstück und staunte, woher diese Torte plötzlich kam. „Sie hat sie heute Nacht für dich gebacken,“ sagte Damir. Seitdem traue ich mich überhaupt nicht mehr zu sagen, was ich gerne esse, denn ich weiß jetzt, dass irgendein Familienmitglied die Welt in Bewegung setzen würde, damit ich es bekomme. Meine Schwiegermutter und die ganze Familie übertreiben es vielleicht ein wenig, aber Kochen und Backen ist die kroatische Art Liebe auszudrücken. Wie kann man diese Menschen nicht ins Herz schließen?

Christine, bitte erzähle uns von eurer Hochzeit. Wie groß waren die Kulturunterschiede?

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Christine und Damir

Wir sind zwar alle Europäer, aber die Kulturunterschiede sind immens und das kam gerade bei unserer Hochzeit, die wir in Deutschland gefeiert haben, zum Ausdruck. Zur Hochzeitsvorbereitung sind Damirs Eltern, meine Mutter und wir, das Brautpaar, zusammengekommen. Auf der Gästeliste, die wir gemeinsam erstellt haben, standen 180 Gäste, wobei ich zugeben muss, dass unsere Familie für deutsche Verhältnisse auch groß ist. Den ersten kleinen Eklat gab es, als Damir und ich sagten, dass wir uns für ein Buffet entschieden hatten. Ein Buffet anlässlich einer Hochzeit ist für Kroaten eine schlimme Vorstellung. Der Gedanke, dass das Essen den Gästen nicht am Tisch serviert wird, sondern sie sich ihr Essen selbst holen müssen, ließ meine Schwiegereltern erstarren. Das verstößt gegen die Regeln der kroatischen Esskultur, die im Übrigen auch besagt, dass nie im Stehen gegessen werden darf. Damir und ich wollten unseren Gästen jedoch eine Vielfalt an Speisen anbieten, damit sowohl die deutschen, wie auch die kroatischen Gäste zufriedengestellt würden. Ein kroatisches Festessen ohne Suppe vorneweg, ähnelt ebenfalls einer mittleren Katastrophe. Aber Damir und ich haben uns durchgesetzt. Der größere Eklat ging von unseren Müttern aus, bei der Frage, welche Speisen nachmittags, nach der Kirche, angeboten werden sollten. Meine Mutter schlug natürlich sofort Kaffee und Kuchen vor, wie es bei uns in Deutschland um diese Zeit üblich ist. Meine Schwiegermutter war entsetzt und bestand auf dem kroatischen Schinken, Prsut, und Käse. „Kuchen isst man als Dessert,“ war ihr Argument, weil es bei den Kroaten so üblich ist. Damir und ich entschieden, dass es, um des lieben Friedens willen, beides geben sollte. Unsere Entscheidung war die perfekte Völkerverständigung, denn es wurde beides aufgegessen und zwar von beiden Nationalitäten – die Kroaten zuerst Schinken und dann Kuchen, während die deutschen Gäste die umgekehrte Reihenfolge bevorzugten.

Und welche Speisen habt ihr für das Buffet gewählt?

Es waren Unmengen an Essen, viele Vorspeisen und natürlich viel Fleisch, aber das essen die Deutschen ja auch sehr gerne, von daher passte es ganz gut. Das Schlimmste, das bei den Kroaten passieren könnte und damit die größte Blamage darstellen würde, wäre wenn vom Essen nichts mehr übrig bliebe. Es gilt immer das Motto „lieber zu viel, als zu wenig“. Nouvelle Cuisine ist kein Thema bei den Kroaten, es muss immer Masse, aber auch Klasse sein. Sie sind sehr stolz auf ihre Speisen und definieren sich über die Qualität des Essens, das sie anbieten. Natürlich hatten wir eine riesige Hochzeitstorte, denn sie musste ja für 180 Personen reichen. Aber auch das war den Kroaten nicht genug – nur eine Hochzeitstorte als Dessert? Unmöglich. Alle geladenen Gäste aus dem kroatischen Dorf hatten große Mengen Kuchen gebacken und zu unserer Hochzeit mitgebracht.

Wie war die Stimmung auf eurer Hochzeitsfeier?

Hier waren die Unterschiede noch viel größer, als bei der Auswahl der Speisen. Ich hatte meinem Mann vorgeschlagen einen DJ zu buchen. Doch das kam überhaupt nicht in Frage. Eine kroatische Hochzeit ohne Live-Band ist unvorstellbar. Damir hatte eine kroatische Band mit einer Sängerin organisiert, die jedoch auch internationale Musik spielen konnten, womit sie bei unserem Betreten des Festsaals begannen. Die Lautstärke war für deutsche Ohren zunächst sehr ungewohnt. Einer meiner Verwandten bemerkte, dass die Musik doch recht laut sei und man sich nicht unterhalten könne, woraufhin die Kroaten laut lachten und sagten „aber das ist eine Hochzeit, da muss man sich nicht unterhalten, da muss man feiern.“ Und wie sie feiern und zwar durch alle Altersklassen durch, ich würde sagen, dass die Älteren unersättlicher sind, als die Jungen. Mein Cousin hatte, für den Fall, dass keine Stimmung aufkommen sollte, tatsächlich ein paar Partyspiele organisiert. Er hatte noch nie zuvor mit Kroaten gefeiert, hat jedoch schnell erkannt, dass diese überflüssig waren. Die Kroaten brauchen keinen Anlauf zum Feiern, die Party geht bei ihnen direkt los. Einer der Höhepunkte war, als mein Cousin August eine Rede auf Kroatisch hielt. Er hatte einen kroatischen Arbeitskollegen gebeten seine Rede für ihn zu übersetzen und zwecks korrekter Aussprache die Lautschrift daneben zu schreiben. Der Saal tobte, die Kroaten waren begeistert, er wurde sofort einer von ihnen und mein Schwiegervater lief von Tisch zu Tisch und schenkte allen seinen selbstgebrannten Rakija – kroatischen Schnaps – aus, der auch den deutschen Gästen gut schmeckte. Und wenn man sich in Deutschland häufig nach der Hochzeitstorte langsam verabschiedet, weil es doch ein langer Tag war, geht es bei den Kroaten erst so richtig los, es wird getanzt und gesungen bis zum Morgengrauen. Die deutschen Gäste haben sich zum großen Teil von der tollen Stimmung mitreißen lassen. Und natürlich wurde viel Rakija getrunken. So viel, dass mein Schwager bei einem Lied, das ihn emotional sehr berührte, laut rief „ich wünsche euch einen Sohn“ und sein Schnapsglas an die Wand warf. Aber das störte niemand, denn diese Geste wird als Zeichen unbändiger Lebensfreude gewertet und kommt aus Sicht der Kroaten von Herzen. Und sein Wunsch ist tatsächlich in Erfüllung gegangen. Dieses Volk lebt im Hier und Jetzt – „heute wird gefeiert, bis wir nicht mehr können, denn dieser Tag kommt nicht wieder“ ist ihr Credo.

Wie verbindet ihr die zwei Kulturen im Alltag?

Gut. Mein Müsli zum Frühstück habe ich beibehalten und auch unser Sohn isst es gerne. Damir konnte ich nach wie vor dafür nicht begeistern, aber ansonsten leben wir, unser Sohn und meine Mutter beide Kulturen gleichermaßen. Ja, meine kroatische Familie kann auch mal anstrengend sein, aber ist das nicht jede Familie? Ich schätze sie sehr für ihren Mut, ihre Toleranz und den familiären Zusammenhalt, man ist immer füreinander da. Sie haben ihr Dorf in ihrer Heimat verlassen, um sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft in Deutschland, einem gänzlich fremden Land, zu ermöglichen. Eine der Schwiegertöchter kommt aus Bosnien und ich aus Deutschland und wir fühlen uns beide geliebt und willkommen. Ich habe gerne einige Eigenschaften von den Kroaten angenommen, insbesondere die Gastfreundschaft. Unser Sohn kann immer seine Freunde, auch ungefragt, zum Essen mitbringen und den Müttern, die ihre Kinder bei uns abholen, biete ich immer an einzutreten und einen Kaffee zu trinken. Meine Idee für meinen Gemüsegarten stammt ebenfalls aus Kroatien. Damir hat mir irgendwann vorgeworfen Konflikte nicht richtig auszutragen. „Werfe doch mal einen Teller an die Wand, wenn du wütend bist und friss nicht alles in dich rein, damit kann ich nicht umgehen,“ hat er zu mir gesagt. Ich werfe zwar keine Teller an die Wand, aber ich habe gelernt auch mal laut zu schimpfen, wenn mir etwas nicht passt. Und er hatte Recht, das tut wirklich gut.

Liebe Christine, vielen Dank für die schöne Beschreibung deiner Erlebnisse mit deiner kroatischen Familie.

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